"Trotz allem, was ich jahrelang darüber gesagt und geschrieben habe, zweifle ich daran, dass ich irgend jemanden davon überzeugen kann, dass Strafe nie etwas Positives mit sich bringt. Hier erzähle ich Dir, dass Du ganz einfach nicht tüchtig genug bist, um Strafe sinnvoll anzuwenden. Deshalb darfst Du NIEMALS eine Bestrafung ausführen."

Wichtige Definition: "Positive Bestrafung" ist das aktive Ausführen von Handlungen, die dem Hund Unbehagen bereiten.

Anwendung von Strafe beim Hunde-Training
von Mike Theiss

Den folgenden Betrachtungen liegt ein Artikel der Forscherin Kate Fulkerson, Ph. D. zu grunde, der im Frühjahr 2003 in der skandinavischen Hundezeitschrift "Canis" veröffentlicht wurde.

Wirksam, aber kompliziert
Die Verfasserin stellt zunächst fest, dass Strafe durchaus ein sehr wirksames Hilfsmittel bei der Ausbildung von Tieren sein kann. Gleichzeitig rädt sie jedoch in ihrem Artikel eindringlich davon ab, Bestrafung als Erziehungsmittel jemals einzusetzen. Ihre wichtigste Begründung dafür ist, dass eine nutzbringende Anwendung von Strafe so schwierig und kompliziert durchzuführen sei, dass kaum ein Hundeführer dazu in der Lage sein dürfte.

Aversiver Stimulus
Wird Strafe beim Lernprozess eingesetzt, muss die Bestrafung so durchgeführt werden, dass der Hund dabei den Hundeführer nicht als den Bestrafenden identifizieren kann. Andernfalls wird die Anwesenheit des Führers für den Hund zu einem "aversiven Stimulus". Dabei macht der Hund die Erfahrung, dass er nur dann für ein bestimmtes Verhalten bestraft wird, wenn sein Führer in der Nähe ist.

Er würde deshalb die Anwesenheit seines Führers schnell als äusserst unangenehm empfinden, und es besteht die Gefahr, dass der Hund die Bestrafung mehr mit der Nähe eines bestimmten Menschen als mit seinem eigenen Verhalten verknüpft. Im besten Falle würde ein eventueller "Lerneffekt" darauf hinausgehen, dass der Hund ein bestimmtes Verhalten nur dann nicht mehr ausführt, wenn sein Führer in der Nähe ist.

Agressivität
Die Forschung hat erwiesen, dass Bestrafung mit hoher Wahrscheinlichkeit zu grösserer Agressivität führt, sowohl beim Hund als auch bei dem Bestrafenden. Falls wir Strafe einsetzen, müssen wir damit rechnen, dass wir bei unserem Hund eine Gemütsänderung hervorrufen, die in den meisten Fällen in gesteigerter Agressivität mündet. Weiter wird der Bestrafende durch seine Handlungen "verrohen", weil er genötigt ist, bewusst Angst und Schmerzen hervorzurufen. 

Sehr harte Strafen
Denn nur eine sehr harte Bestrafung ist ein wirksames Erziehungsmittel. Fulkerson meint, dass die Strafe von Anfang an so beschaffen sein muss, dass sie an der Grenze zu dem liegt, was beim Hund körperliche Schäden hervorrufen würde.

Mit schwacher Bestrafung zu beginnen, und die Härte schrittweise zu steigern, hält Fulkerson für wirkungslos. Tierversuche haben gezeigt, dass das Objekt bei einem solchen Vorgehen eher lernt, Schmerzen zu ertragen, anstatt das unerwünschte Verhalten abzulegen. Strafe wird dann zu einem natürlichen Teil des Lebens unseres Hundes. Wir sollten uns wirklich fragen, ob man unter solchen Bedingungen noch Lebensfreude erwarten kann.

Sofort und immer wieder
Jedes Mal, wenn der Hund Ansätze des unerwünschten Verhaltens zeigt, muss die Strafe ausgeführt werden, und zwar sofort. Wir kennen das von der "positiven Verstärkung", die anfangs ebenfalls nur dann zu Lernerfolgen führt, wenn sie bei Ansätzen des gewünschten Verhaltens "jedes Mal" und "unmittelbar" erfolgt.

Fulkerson beschreibt dazu folgendes Experiment, das zeigt, wie schnell man sein muss: 
Drei Gruppen mit Versuchshunden erhielten Schüsseln mit wohlschmeckendem Futter. Die Hunde der ersten Gruppe wurden augenblicklich hart bestraft, sobald sie zu Fressen versuchten. Die Hunde der zweiten Gruppe wurden 5 Sekunden nach dem Beginn des Fressens hart bestraft, und die der dritten Gruppe nach 15 Sekunden. Selbstverständlich verloren alle Hunde schnell die Lust am Fressen. Nach zwei Tagen wurde den Hunden wieder die gleichen Schüsseln vorgesetzt. Die Hunde der Gruppe 1 wagten erst nach zwei Wochen aus den Schüsseln zu fressen, die der zweiten Gruppe nach ca 1 Woche, die der dritten Gruppe nach DREI MINUTEN.

Unvorhersehbar
Strafe macht das Auftreten eines bestimmten Verhaltens unwahrscheinlicher. Das ist ein grosser Unterschied zum Training mit positiver Verstärkung, wobei ein bestimmtes Verhalten wahrscheinlicher wird.

Mit positiver Verstärkung kennen wir das Resultat im voraus. Bei positiver Bestrafung können wir dagegen nicht voraussehen, welche Verhaltensweisen der Hund stattdessen annehmen wir. Dass harte Bestrafung nicht nur unerwünschtes Verhalten auslöscht, sondern auch neue Verhaltensformen entstehen lässt, liegt auf der Hand. Das neue Verhalten kann schlimmer sein als das ursprüngliche.

Fünf wichtige Regeln
Zum ersten darf man Strafe weder als Rache noch zum Abreagieren eigener Gefühle anwenden. Dabei könnte man Strafe nämlich nicht wirkungsvoll einsetzen. Bestrafungen richtig anzuwenden, ist sehr schwer. Du musst sie im voraus genauestens und strategisch richtig planen, damit ein Erfolg wahrscheinlich, und das Entstehen von unerwünschten Nebenwirkungen so weit wie möglich ausgeschlossen wird.

Wer Strafe benutzen will, muss zunächst einmal prüfen, ob er dazu willig und in der Lage ist, Bestrafungen strategisch richtig zu planen und bei der Ausführung einen klaren Kopf zu behalten.

Zum zweiten müssen die Bestrafungen von anfang an sehr kräftig sein - an der Grenze von dem, was beim Bestraften körperliche Schäden hervorrufen würde. Weniger harte Bestrafungen bewirken nur eine geringfügige und kurzzeitige Unterdrückung eines Verhaltens, und das gleiche Verhalten tritt selbst bei fortsetzender Bestrafung oft wieder auf.

Tiere passen sich Bestrafungen an. Ratten zum Beispiel, die vorher schrittweise stärker werdende elektrische Schläge bekommen haben, und es danach gelernt haben, in einem Versuchsgerät laufen zu müssen, um Fressen zu bekommen, werden mit dem Laufen auch dann fortsetzen, wenn sie dabei kräftige elektrische Stösse erhalten.

Das bedeutet mit anderen Worten: Wenn man mit milden Strafen anfängt und diese langsam härter macht, kann man kaum eine Unterdrückung eines Verhaltens erreichen - oder die Unterdrückung wird nur von kurzer Dauer sein. Dabei läuft man Gefahr, dass das Tier sich an Bestrafungen gewöhnt und es lernt, sie zu ertragen.

Wer mit Strafe arbeiten will, muss sich also auch fragen, ob er dazu willig und in der Lage ist, von Anfang an ein unerwünschtes Verhalten mit sehr harten Mitteln zu bestrafen.

Zum dritten muss die Bestrafung augenblicklich erfolgen. JEDE zeitliche Verspätung zwischen dem unerwünschten Verhalten und der Strafe macht unsere Strategie zunichte.

Wer mit Strafe arbeiten will, muss sich also auch fragen, ob er dazu willig und in der Lage ist, immer augenblicklich zu bestrafen, aber keinerlei Reaktion zu zeigen, wenn er den richtigen Zeitpunkt verpasst hat.

Zum vierten muss Strafe fortlaufend und regelmässig erfolgen, um wirksam zu sein. Das bedeutet, dass man gewillt und dazu in der Lage sein muss, wirklich jedes Vorkommen des unerwünschten Verhaltens zu bestrafen. Würde Dir das gelingen?

Fünftens: Du musst unbedingt dafür sorgen, dass Den Hund nicht merkt, dass Du während der Bestrafung anwesend bist. Andernfalls wirst Du selbst für Deinen Hund zu einem konditionierten Signal für Strafe.

Tiere lernen schnell, dass Strafe nur dann vorkommt, wenn der Besitzer in der Nähe ist. Bestenfalls lernt das Tier dabei, dass es sein Verhalten ungestraft ausführen kann, wenn er nicht dabei ist. Im schlimmsten Falle lernt das Tier seinen Besitzer zu fürchten, weil er ein aversiver Stimulus geworden ist.

Die letzte Frage, die Du beantworten musst, ist also, ob Du einfallsreich genug sein kannst, die Situation so vorzubereiten, dass Du Strafe wirklich nutzbringend anwenden kannst.

Angenommen dass Du alle obigen Anforderungen erfüllen kannst: Was wird eigentlich das Resultat all dieser Anstrengungen?

Resultat von Bestrafung
Strafe macht das Auftreten eines bestimmten Verhaltens unwahrscheinlicher. Welches Verhalten stattdessen auftaucht, können wir nicht voraussehen. Das neue Verhalten kann schlimmer sein als das ursprüngliche. Wahrscheinlich wird die Anwendung von Strafe zu grösserer Agressivität führen, sowohl beim Tier als auch bei dem, der die Bestrafung ausführt.

Strafe kann weiterhin dazu führen, besonders wenn positive Verstärkung selten angewendet wird, dass der Hund ein "sich selbst bestrafendes" Verhalten zeigt. Manche Hunde lernen nicht, dass sie ihr unerwünschtes Verhalten ablegen sollen. Das kann dazu führen, dass der Hund verzweifelt und hilflos wird. Unsicherheit und Nervösitet sind dann oft die Folge.

In solchen Fällen kann es vorkommen, dass der Hund trotzt effektiver Bestrafung NICHT das unerwünschte Verhalten ablegt. Man hat dann überhaupt nichts Positives erreicht, sondern erntet nur schädliche Nebenwirkungen.

Trotz allem, was ich nun geschrieben habe, zweifle ich daran, dass ich irgend jemanden davon überzeugen kann, dass Strafe nie etwas Positives mit sich bringt.

Die meisten von Euch haben die Erfahrung gemacht, dass Strafe oft unmittelbar "etwas nützt", und deshalb verwendet Ihr Bestrafung auch weiterhin.

Die Probleme, die durch Bestrafung entstehen, sieht man selten sofort. Die stellen sich aber garantiert im Laufe der Zeit ein, schleichend, zunächst kaum merklich, aber zum Schluss mit schwerwiegenden Folgen.

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